
Der Gender Care Gap – Die unsichtbare Lücke in der Fürsorge
Wer kümmert sich eigentlich? In vielen Familien, Gemeinden und Gemeinschaften übernehmen Frauen noch immer den Großteil der Sorgearbeit – oft unbezahlt und unsichtbar. Der sogenannte Gender Care Gap beschreibt genau diese Ungleichheit: Frauen leisten deutlich mehr Zeit für Pflege von Angehörigen, Kinderbetreuung, Hausarbeit und ehrenamtliches Engagement als Männer.
Diese Lücke wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus. Während Männer mehr Zeit für Erwerbsarbeit, Freizeit oder persönliche Entwicklung haben, tragen Frauen die Hauptlast der Fürsorge. Das beeinflusst Karrieren, finanzielle Unabhängigkeit, Gesundheit und nicht zuletzt die gesellschaftliche Anerkennung.
Sorgearbeit ist unverzichtbar für unser Zusammenleben. Sie hält Familien und Gemeinschaften zusammen, begleitet durch schwierige Zeiten und schenkt Halt und Geborgenheit. Dass diese Arbeit jedoch oft als selbstverständlich gilt und kaum sichtbar ist, bringt Frauen nicht nur an ihre Grenzen, sondern verhindert auch echte Gleichberechtigung.
Der Gender Care Gap fordert dazu heraus, Fürsorge neu zu denken: Wertschätzung, faire Verteilung und gesellschaftliche Anerkennung sind nötig. Es geht darum, Strukturen zu verändern, die Sorgearbeit zur Frauenaufgabe machen – in Partnerschaften, Organisationen und auf politischer Ebene. Jeder Schritt für mehr Gleichstellung ist zugleich ein Schritt zu einem menschlicheren Miteinander.
Frauen machen Kirche – auch in der Sorgearbeit, doch auch Männer sind eingeladen, sich aktiv und bewusst einzubringen. Gemeinsam lassen sich neue Wege finden, die Fürsorge und Verantwortung teilen und allen mehr Raum zum Leben, Lieben und Wachsen schenken.
Jesus bei Maria und Marta
38 Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf, wo er bei einer Frau aufgenommen wurde, die Marta hieß. 39 Maria, ihre Schwester, setzte sich zu Füßen von Jesus hin und hörte ihm aufmerksam zu. 40 Marta aber war unentwegt mit der Bewirtung ihrer Gäste beschäftigt. Schließlich kam sie zu Jesus und fragte: »Herr, siehst du nicht, dass meine Schwester mir die ganze Arbeit überlässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« 41 Doch der Herr antwortete ihr: »Marta, Marta, du bist um so vieles besorgt und machst dir so viel Mühe. 42 Nur eines aber ist wirklich wichtig und gut! Maria hat sich für dieses eine entschieden, und das kann ihr niemand mehr nehmen.«
Auslegung: Marta, Maria und der Gender Care Gap
Die Geschichte von Maria und Marta (Lukas 10,38-42) ist eine der bekanntesten Bibelszenen, wenn es um Frauenrollen, Fürsorge und das Miteinander im Glauben geht. Marta rackert sich ab, sorgt für die Gäste, übernimmt mit viel Engagement die Gastgeberinnenrolle. Maria dagegen setzt sich zu Jesu Füßen, lässt für einen Moment alles andere los und hört ihm aufmerksam zu.
Marta fühlt sich alleingelassen und überlastet – eine Erfahrung, die auch heute viele Frauen teilen, besonders im Blick auf den Gender Care Gap: Noch immer tragen Frauen den größten Teil der Sorgearbeit in Familie, Gemeinde und Gesellschaft. Kochen, organisieren, erinnern, kümmern – oft bleibt diese Last unsichtbar, weil sie als selbstverständlich angesehen wird.
Jesu Antwort an Marta ist bemerkenswert: Er wertschätzt ihr Bemühen, aber er lädt ein, neu zu gewichten, was wirklich zählt. „Nur eines ist wirklich wichtig und gut“, sagt er – und meint damit das Da-Sein, das Hinhören, das Auftanken, die Zeit für sich selbst und für Gott. Jesus hebt Maria nicht hervor, um Marta zu kritisieren, sondern um aufzuzeigen, wie wichtig es ist, Sorgearbeit gerecht zu teilen und sich selbst nicht zu verlieren.
Die Geschichte ermutigt, über Rollenbilder nachzudenken: Wer macht was – und warum eigentlich immer wieder dieselben? Sie fordert heraus, das Unsichtbare sichtbar zu machen, Verantwortung und Lasten fair zu verteilen und Fürsorge als gemeinschaftliche Aufgabe zu verstehen. Es braucht Zeiten des Dienstes ebenso wie Zeiten der inneren Stille.
Jesus ruft dazu auf, Gerechtigkeit und Balance zu suchen: Sorgearbeit wertzuschätzen, Grenzen zu erkennen und Raum für das eigene Leben, den Glauben, die persönliche Entfaltung zu schaffen. Denn nur so kann echte Gemeinschaft wachsen – getragen von geteilter Verantwortung und dem wertvollen Wissen: Bei Gott darf jede und jeder „sein“ – und muss nicht alles alleine stemmen.







