(Un-)Bekannte Mütter in der Bibel

Von Andrea Effelsberg

Einleitung
In diesem Vortrag geht es um ein paar ausgewählte Bibelgeschichten über Mütter. Manche von ihnen sind sehr bekannt, andere weniger. Mein Vortrag „(Un-)Bekannte Mütter in der Bibel“ gilt als Werkstück (Abschlussarbeit) zum Fernstudium „Theologie heute!“.
Mutter zu sein, empfinden die meisten Mütter als wunderbar. Es kann aber auch schwer sein. Und Mutterwerden ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Das war es schon zu biblischen Zeiten nicht. So kommen in der Bibel ganz verschiedene Mütter vor. Neben bekannten Müttern wie Sara und Maria werden in der Bibel noch viele weitere in unterschiedlichsten Lebenssituationen be-
schrieben.


Dank der Edition CSV aus Hückeswagen, die die Elberfelder Bibel-Übersetzung online anbietet, lassen sich Statistiken zu Bibelbegriffen erstellen.  


In der Hebräischen Bibel, also im Alten Testament, steht das Wort „Mutter“ 219-Mal in 201 Bibelversen; in der Griechischen Bibel, dem Neuen Testament, lesen wir das Wort „Mutter“ 82-Mal in 76 Bibelversen.
Das Wort „Schwiegermutter“ 12-Mal im AT in 11 Bibelversen sowie 6-Mal in 5 Bibelversen des NT.
Eine Großmutter wird im NT einmal erwähnt, eine Stiefmutter gar nicht.

 

Eva – verwaiste Mutter, Mutter eines Mörders
Eva ist die erste Frau auf der Erde. Sie gilt als die Urmutter der Menschheit. Im Buch Genesis 3,20 heißt es „Da gab der Mann-Mensch seiner Frau einen Namen: Chawwa, Eva, denn sie wurde zur Mutter aller, die leben.“
Der Mann-Mensch ist Adam. Mit ihm hat Eva zwei Söhne, Kain und Abel. Davon lesen wir im 4. Kapitel: 1 

Dann erkannte der Mensch als Mann die Eva, seine Frau; sie wurde schwanger, gebar den Kain und sprach: »Ich hab's gekonnt, einen Mann erschaffen – mit Adonaj.« 2a Da fuhr sie fort und gebar seinen Bruder, den Abel.


Vom Aufwachsen der beiden Kinder und der Beziehung zu Mutter und Vater erzählt die Bibel nichts. Stattdessen heißt es im zweiten Teil von Vers 2: Abel wurde ein Viehhirt, Kain aber war Ackerbauer. Beide waren also in der Landwirtschaft tätig, der eine sorgte sich um die Tiere, der andere um den Landbau. Wortreich wird in den Versen 3 bis 16 geschildert, wie zunächst zwischen Kain und Abel eine Konkurrenzsituation entsteht, die im Brudermord gipfelt. Der große Bruder erschlägt den Jüngeren. Wie konnte es dazu kommen? Gab es schon in der Kindheit Streitigkeiten zwischen den Geschwistern? Haben sich da in den Jahren Emotionen zwischen den beiden Brüdern angestaut, die sich plötzlich und vor allem tödlich endend entluden? Wohl alle Eltern von mindestens zwei Kindern kennen die alltäglichen Zwistigkeiten unter Geschwistern. Immer wieder aufs Neue wird ausgehandelt, wer das Sagen hat, wer die oder der Erstgeborene ist. 

Als Mutter bzw. Vater sind diese Streitereien manchmal schwer auszuhalten, je nachdem, wie angegriffen gerade das eigene Nervenkostüm ist. Je nach Situation ist man schnell gewillt, den Streit zwischen den Geschwistern zu beenden. Allerdings sagte der dänische Familientherapeut Jesper Juul, dass es wichtig ist, Geschwister im Streit nicht zu unterbrechen, solange es unblutig zugeht. Nur so können sie ihre Beziehung zueinander immer wieder neu aushandeln. So vollzieht sich normale Bindungsarbeit zwischen Geschwistern, die sie auch im Erwachsenenleben befähigt, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen.

Wie war das wohl bei Eva und ihren beiden Söhnen? Sie war nicht dabei, als sich Kain und Abel als junge Männer auf dem Feld stritten und der eine den anderen erschlug. Ich kann mir kaum vor stellen, welche Emotionen Eva durchströmten, als sie vom Tod des jüngeren Sohnes durch die Hand ihres älteren Sohnes erfuhr. Sie war nun einerseits eine verwaiste Mutter, andererseits die Mutter eines Mörders. Ein Schicksal, dass niemandem zuteilwerden sollte. Denn das Schlimmste, was Eltern passieren kann, ist sicherlich das Sterben des eigenen Kindes erleben zu müssen. Der Tod eines Kindes ist immer ein viel zu früher, ein vorzeitiger Tod. Verwaiste Eltern erleben, wie die
Abfolge der Generationen auf den Kopf gestellt wird. Die Kinder sollten die Eltern beerdigen, nicht andersherum. Allein in Deutschland starben im Jahr 2024 3.876 Kinder im Alter zwischen 0 und 18 Jahren. Hinzukommen die verstorbenen erwachsenen Kinder, die noch Eltern haben. 


Über Evas Trauer um Abel lesen wir nichts in der Bibel. Jedoch gibt es z. B. ein Gemälde von Johann Michael Rottmayr, der 1692 das Werk „Die Beweinung Abels“ schuf. Diese Szene basiert auf einem Text aus dem Buch der Jubiläen, das nicht in den christlichen Bibelkanon aufgenommen wurde. Hier steht nicht die Bluttat unter den Brüdern im Vordergrund, sondern die Trauer der Eltern um ihr verstorbenes Kind. Wir sehen, wie im Vordergrund des Bildes Adam neben Abel kniet, die Hände zum Gebet gefaltet. Im Hintergrund sind der flüchtende Kain und Gott zu sehen. Gott verjagt Kain von seinem angestammten Lebensraum. Und Gott machte ein Zeichen für Kain, damit ihn nicht jeder erschlagen konnte. Das sog. Kainsmal ist biblisches Schuld- und Schutzzeichen gleichermaßen. Und was ist mit der Darstellung von Eva? Sie steht im Zentrum des Bildes. Ihre linke Hand zeigt auf den getöteten Sohn, ihre rechte Hand und ihr Blick sind nach oben zum Himmel, zu Gott gewandt. Was mag in ihr vorgehen? Sie trauert um Abel und gleichzeitig scheint sie darauf zu hoffen, dass Gott gnädig mit ihrem großen Sohn Kain umgeht. Vielleicht fleht sie Gott sogar an, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. In dieser Eva-Darstellung kommt für mich zum Ausdruck, wie Mütter manchmal die Augen vor den Fehlern ihrer Kinder verschließen. Wir wünschen
uns, dass unsere Kinder möglichst frei von Schwächen sind. Konflikte kleinreden, darüber hinwegsehen: Das ist kein ungewöhnliches Verhalten. Mütter wollen ihre Kinder beschützen, egal was passiert ist oder was die Kinder getan haben. Und dann ist da noch die Scham, die Mutter und Vater bei einer solchen Tat wie dem Brudermord befällt. Haben sie ihre Söhne richtig erzogen? Oder haben sie Fehler gemacht? Tragen sie eine Mitschuld am Tod des Sohnes? Szenenwechsel: Eva wird nochmals schwanger. Sie bringt einen dritten Sohn zur Welt, Set. Dazu heißt es in Genesis 4,25: 

Der Mann-Mensch erkannte seine Frau noch einmal; sie gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Set, »denn seht, Gott hat mir einen anderen Nachkommen gesetzt anstelle Abels, denn Kain hat ihn getötet.«


Dieses Kind war wohl für die Eltern Eva und Adam wie ein Geschenk. Mit ihrem Sohn Set kommt neues, unschuldiges Leben in die Ur-Familie der Menschheit. Welch ein Glück für Eva und Adam!
Welch ein Trost! 

Jochebed/Jochebet – abgebende/aussetzende Mutter

Auch Jochebet ist eine Mutter in höchsten emotionalen Nöten, ganz anders als Eva, aber dennoch erlebt auch sie die Höhen und Tiefen der Mutterschaft.
Als sie schwanger ist, weiß sie, dass männliche Kinder des hebräischen Volkes nach der Geburt getötet werden sollen. So will es der Pharao, der Herrscher über Ägypten. In diesem Land sind die Hebräerinnen und Hebräer nur Geknechtete, sie sind Sklaven, die für den Pharao arbeiten müssen.
Jochebet hofft also während der Schwangerschaft, dass sie ein Mädchen zur Welt bringen wird. Aber dann wird es ein Sohn. Sie möchte ihn verständlicherweise nicht hergeben, daher versteckt sie ihn drei Monate lang. In den ersten Lebensmonaten eines Kindes geht es zumeist, wenn man kein Schreikind hat, ruhig zu. Das Baby trinkt und schläft, trinkt und schläft. Aber schon bald werden die Wachphasen des Kindes länger und die Zeit des Entdeckens, der Bewegung und des Geräuschemachens beginnt. Jochebet muss also große Angst haben, dass ihr Sohn entdeckt wird.


Daher ersinnt sie mit ihrer Tochter Mirjam einen Plan. Sie baut ein Körbchen, das wasserdicht ist und legt ihren Sohn hinein, um ihn auf dem Nil auszusetzen, an dem sich die Tochter des Pharaos mit ihren Freundinnen aufhält. Mirjam beobachtet, wie die Pharaonentochter das Körbchen und somit das weinende Kind entdeckt. Sie bzw. ihre Dienerin wissen sofort, dass es sich um ein Kind aus dem hebräischen Volk handeln muss. Mirjam nimmt sich ein Herz und spricht sie an. Sie fragt, ob sie eine Amme organisieren soll, die das Kind stillen könnte. Die Pharaonentochter stimmt zu und so wird der Junge tatsächlich ganz legal bei seiner Mutter Jochebet aufwachsen. Und sie er-
hält sogar Geld für ihren Ammendienst! Als der Junge jedoch groß genug war, musste die Mutter ihn wieder hergeben, sodass er im Haus des Pharaos aufwuchs. Er erhielt von seiner Adoptivmutter den Namen Mose, was bedeutet „aus dem Wasser gezogen“. Dass der Name seiner leiblichen Mutter Jochebet ist, erfahren wir nur anhand zwei anderer Bibelstellen: In Ex 6,20 steht: Amram heiratete Jochebet, die Schwester seines Vaters. Sie gebar ihm den Aaron und den Mose. Und in Num 26,59 steht: Der Name von Amrams Frau war Jochebet batLevi, sie wurde Levi in Ägypten geboren. Und sie bekam mit Amram Aaron und Mose und ihre Schwester Mirjam.
An der Geschichte Jochebets wird deutlich, wie schwer es Mütter haben, 

- die ungewollt schwanger sind,
- deren Schwangerschaft große Probleme mit sich bringt bzw. nach sich zieht,
- die nicht wollen, dass andere von der Schwangerschaft erfahren,
- die die Schwangerschaft selbst verdrängen.


Unterschiedliche Gründe kann es geben, wenn Mütter über eine Schwangerschaft nicht glücklich sind, sie vielleicht sogar möglichst bald mittels Abtreibung beenden wollen.


- Entstand die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung?
- Ist die Mutter gesund?
- Fühlt sie sich einem Leben mit Kind gewachsen?
- Wollen der Freund oder der Ehemann das Kind?
- Gibt es finanzielle Probleme?
- Darf das Mädchen/die Frau unehelich schwanger sein?


Wie wichtig ist es dann, dass die Schwangere kompetente Hilfe und Beratung in Anspruch nehmen kann! Ggf. auch anonym. Und vor allem ist es wichtig, dass sie selbst entscheiden kann, ob sie die Schwangerschaft fortsetzen möchte oder nicht. Elementar wären straffreie Handlungsoptionen, ausreichende Beratungsangebote und eine umfassende medizinische Versorgung. Bei der Beratung geht es nicht nur darum, wie eine Schwangerschaft beendet werden kann, sondern auch um das Aufzeigen von Optionen für ein Leben mit dem Kind oder das Abgeben des Kindes, z. B. mittels Adoption. Aber nicht nur, dass es Schwangeren in unserem Land durch die gesetzlichen Regelungen massiv erschwert wird, eigenverantwortlich über ihren Körper und das ungeborene Leben zu entscheiden, sie sind auch noch den gesellschaftlichen Normen ausgesetzt. Eine Frau kann doch keine „gute“ Mutter sein, wenn sie darüber nachdenkt, ihr Kind in einer Babyklappe abzulegen oder es zur Adoption freizugeben. Geurteilt ist schnell. Wie unendlich schwer ist es für eine Frau, wenn sie nicht schwanger sein will oder darf. Enorme emotionale Konflikte wird sie mit sich austragen müssen.

Fast jede Mutter, die abgetrieben oder das Kind zur Adoption freigegeben hat, wird wohl immer wieder an das Kind denken. Bei einer Adoption besteht vielleicht im Rahmen der „offenen Adoption“ die Möglichkeit, dass Kind und leibliche Mutter sich kennen(lernen) und am Leben des jeweils anderen teilhaben können.


Jochebet wird glücklich darüber gewesen sein, dass Mose bei ihr aufwachsen konnte. Sie baute eine tiefe Mutter-Kind-Beziehung zu ihm auf, auch wenn er dann im jugendlichen Alter am Hofe des Pharaos lebte. Ihre Prägung ermöglichte es wahrscheinlich, dass sich Mose gegen das Volk wandte, das ihn adoptierte. Er erschlug einen ägyptischen Aufseher, weil der einen hebräischen Sklaven quälte. Später wurde Mose von Gott auserwählt, das Volk Israel aus Ägypten herauszuführen, gemeinsam mit seiner Schwester Mirjam und seinem Bruder Aaron. Auch wenn in der Bibel davon nichts steht, wird wohl auch seine Mutter Jochebet beim Auszug aus Ägypten dabei gewe-
sen sein. Sie muss sehr stolz auf ihren Sohn gewesen sein. Es gehören in jedem Fall Mut und Entschlossenheit dazu, sein Kind abzugeben. Keine Mutter tut dies leichtfertig. Der Schmerz der Trennung wird bei den meisten Müttern groß sein und gleichzeitig spricht es für ihr Verantwortungsgefühl, ihrem Kind ein besseres Leben bei anderen Eltern zu ermöglichen, als sie es dem Kind selbst geben können. Alle Mütter, die in schwierigen Situationen schwanger sind, verdienen unseren Respekt, egal welche Entscheidung sie für sich und das noch
ungeborene Leben treffen.
 

Debora – berufstätige Mutter (eine Mutter in Israel)

Das Buch der Richter in der Hebräischen Bibel, also im Alten Testament, kennen Sie wahrscheinlich. Das Alte Testament beginnt mit der Tora, wir nennen sie die fünf Bücher Mose. Die Tora beinhaltet die Geschichte der Väter Israels, die Versklavung des Volkes in Ägypten und schließlich die Flucht mit dem Ziel der Rückkehr in das verheißene Land. Danach geht es weiter mit dem Buch Josua, das vom Erreichen dieses Landes und dessen Inbesitznahme durch die 12 Stämme Israels berichtet.


Der Beginn des Richter-Buches beschließt diese Entwicklung und erzählt vom Leben im verheißenen Land. Jedoch vergisst das israelische Volk in den Generationen nach Flucht und der 40-jährigen Wüstenwanderschaft seinen Gott und dessen Gebote, weshalb es immer wieder von anderen Völkern bedrängt, bekämpft und unterdrückt wird. Von diesen wird das Volk Israel jeweils durch von Gott berufene Rettergestalten, die Richter, befreit. Der Titel „Das Buch der Richter“ suggeriert, dass es keine Richterinnen gab, aber dem ist nicht so, wie die Geschichte von Debora beweist. In der Bibel in gerechter Sprache wird daher dieser Teil der prophetischen Bücher „Über die Zeit der Richterinnen und Richter“ genannt. Diese Richterinnen und Richter lebten in vormonarchischer Zeit an verschiedenen Orten und waren für die Rechtsprechung sowie das Schlichten von Streitigkeiten zuständig. Wenn es die Situation erforderte, waren sie zudem auch Heerführerinnen bzw. Heerführer, um das Volk Israel gegen mächtige Gegner zu verteidigen. Die Erzählungen über die Richterinnen und Richter folgen einem einheitlichen Schema: 

Abfall von Adonaj, stattdessen Hinwendung zum Polytheismus – Unterdrückung durch feindliche Völker – Hilfeschrei zu Gott – Berufung von Richterinnen und Richtern – Rettung und Befreiung durch Gott – Nichthören auf die Berufenen und erneuter Abfall nach dem Tod der Berufenen. 

Auch Debora ist eine solche Berufene. In Ri 4,4-5 heißt es: 

Debora, eine Prophetin, die Frau des Lappidot, übte in dieser Zeit richterliche Gewalt in Israel aus. Sie residierte unter der Deborapalme zwischen Rama und Bet-El im Efraimgebirge. Die Angehörigen Israels pflegten zu ihr hinaufzugehen zur Schlichtung.

Sie wird darin eindeutig als Prophetin, die in Israel richtend tätig ist und als Ehefrau des Lappidot beschrieben. Zudem wird sie als Sängerin, militärische Führungsgestalt, Kriegerin und als Mutter charakterisiert. Debora ist die einzige Frau unter den Richterinnen und Richtern und die Einzige im Alten Testament, die Prophetin und Richterin zugleich ist. Sie vermittelt zwischen den Menschen und Gott, wie dies Prophetinnen und Propheten tun. Diese rufen Gott an, sprechen in Gottes Namen und werden in Notsituationen als Ratgebende und für Hilfestellungen angefragt. Die Kapitel 4 und 5 beschreiben die sog. Debora-Schlacht. Ri 4 berichtet darüber in erzählender Form.


- Debora erfüllt ihre prophetische Funktion durch verschiedene Handlungen:
- Sie steht in Kontakt mit der Gottheit, denn sie spricht deren Anweisungen aus;
- Sie befiehlt Barak bzw. lässt ihn zu sich rufen; sie spricht die Aufforderung zum Kampf aus und sichert Barak ihre Begleitung und damit den Beistand Gottes zu;
- Sie lässt Gott zu Wort kommen, zitiert ihn, indem sie seine Siegeszusage weitergibt.


Im gesamten Text von Kapitel 4 übernimmt sie die Funktion, das Wort Gottes auszusprechen. Denn das Wort – im Namen und Auftrag Gottes – ist jenes Medium, durch welches Prophetinnen und Propheten in der Bibel in die Öffentlichkeit gehen. Als sog. „Frau des Wortes“ erweist sie sich als „Verbindungsglied zwischen Gott und der Situation ihrer Zeit“. Dabei wirkt sie entschlossen, klar und zielgerichtet, vor allem auch gegenüber Barak, der in ihrer Gegenwart verblasst und im Dunkeln bleibt. Durch ihre Ämter als Prophetin und Richterin kommt Debora Macht als Vermittlerin des Wortes Gottes und als Führungsgestalt zu, denn sie nimmt die Leitung des Volkes Israel wahr, das ihre Autorität auch anerkennt. Durch ihre Sprachmacht gelingt es ihr, Bewegung und Veränderung herbeizuführen. Doch Debora spricht nicht nur, sondern sie setzt das Gesprochene selbst in die Tat um, indem sie Barak begleitet und zum Berg Tabor hinaufzieht. Sie setzt ihre Sprach- und Handlungsmacht für andere und im Interesse des Volkes ein.


Wenden wir uns dem 5. Kapitel zu. Es ist in dichterischer Form verfasst, das sogenannte DeboraLied, welches zu den ältesten Texten der Hebräischen Bibel gezählt wird. Zudem ist es der einzige poetische Text im Buch der Richterinnen und Richter und preist den Sieg
Gottes über seine Feinde.  Theologische Expertinnen und Experten sind sich darin einig, dass eine Auslegung, Deutung und
Interpretation dieses poetischen Textes aufgrund dessen Komplexität sehr schwierig ist. Dies zeigt sich auch in der großen Zahl der verschiedenen Übersetzungen. Ich möchte das ausschließlich an Vers 7 deutlich machen, in dem erwähnt wird, dass Debora Mutter ist.
In der Bibel in gerechter Sprache heißt es: 

„Freie Bauernschaft gab es nicht mehr, in Israel gab es sie nicht mehr, bis ich aufstand, Debora, bis ich aufstand, eine Mutter in Israel.“ 

In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick in andere Bibelübersetzungen:

In der Lutherbibel 2017 steht:
Starke fehlten, in Israel fehlten sie, bis du, Debora, aufstandest, bis du aufstandest, eine Mutter in Israel.


In der Einheitsübersetzung, die in der katholischen Kirche verwendet wird, steht:
Bewohner des offenen Landes gab es nicht mehr, / es gab sie nicht mehr in Israel, / bis du dich erhobst, Debora, / bis du dich erhobst, Mutter in Israel.


In der Basisbibel finden wir diesen Text:
Die Bauern ließen ihre Arbeit ruhn, und alles Leben in Israel stand still. Doch dann bist du aufgestanden, Debora, aufgestanden wie eine Mutter in Israel.

Die Exegetinnen und Exegeten, also diejenigen, die sich mit der Auslegung der Bibel beschäftigen, sind sich darin einig, dass die Bedeutung des Mutter-Begriffes in dieser Bibelstelle nicht restlos geklärt werden kann. Der Begriff der biologischen Mutter ist wohl am wenigsten gemeint. Entscheidend ist, dass mit Deboras Auftreten die Situation gewendet und Zukunft ermöglicht wird. Die Interpretationen reichen von einer Amtsbezeichnung oder einem Ehrentitel für eine autoritative Figur, wahrscheinlich in Analogie zum Begriff „Vater“, über die einer „metaphorischen Mutter“, die ihr Volk mit ihren überzeugenden Worten bemuttert. Eine US-amerikanische Bibelwissenschaftlerin benennt die Mutter als die mächtigste Frau im Patriarchat. Debora gilt nach dieser Wissenschaftlerin sowohl als gute, lebensspendende Mutter, die ihre Kinder aus der Gefahr rettet und deren Leben sichert, als auch als gefährliche Mutter, die Israel nicht nur Leben gibt, sondern ihre „Söhne“ auch in den Krieg schickt. Debora bietet als Mutterfigur Rückhalt und Führung, die nährt und ermutigt, die Befreiung aus der Unterdrückung ermöglicht und sich um den Schutz und die Sicherheit Israels kümmert.


Susanne Gillmayr-Bucher, österreichische römisch-katholische Theologin, schreibt über Debora: „Als Mutter ist Debora nicht nur für das unmittelbare Überleben des Volkes in einer Krisensituation zuständig, sondern darüber hinaus auch für sein dauerhaftes Leben im Land“.
In jedem Fall wird Debora und ihre Geschichte die Menschen damals und auch später sehr beeindruckt haben. Es ist erstaunlich, dass diese Erzählung es in unsere Zeit geschafft hat, waren doch über Jahrtausende hinweg vorwiegend Männer mit der Textauswahl und Textbearbeitung für die Bibel beschäftigt.
Egal, wie man den Begriff der Mutter mit Blick auf Debora auslegt, ihre Geschichte zeigt uns, dass Frauen Prophetinnen sein können, also mit Gott im direkten Austausch stehen, dass Frauen Führungskräfte sein können, die motivierend vorangehen, die das Wohl der Kinder, ihrer Familie, ihres Volkes im Blick haben und sich mutig an der Spitze der Familie, der Kirche, der Gesellschaft, eines Unternehmens oder in der Politik engagieren. Analog zu Debora, unserem biblischen Beispiel und Vorbild, können wir an die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel denken. Sie hat keine eigenen Kinder, jedoch hat sie sich in ihrer Rolle als Bundeskanzlerin um die Menschen in Deutschland, um unsere Gesellschaft gekümmert. Dafür hat ein männlicher Parteikollege sie als „Mutti“ bezeichnet. Dies war damals nicht liebevoll gemeint, wie Angela Merkel in ihrer Autobiografie erzählt. Aber sie hat sich mit ihrem Spitznamen arrangiert und blicken wir auf die Interpretationen des Mutter-Begriffs für Debora, so könnten wir ihn auch bei der Ex-Bundeskanzlerin als Ehrentitel verstehen.
 

Maria – die Mutter Jesu
Maria, eine junge Frau jüdischen Glaubens, die im israelitischen Nazareth lebt, ist anerkanntermaßen die Mutter Jesu. Als solche wird sie mehrfach im Neuen Testament erwähnt. In den paulinischen Briefen, den ältesten Texten des Neuen Testaments, wird ihr Name nirgendwo genannt. Maria wird jedoch einmal in ihrer Funktion als Mutter Jesu erwähnt und zwar im Brief des Paulus an die Gemeinden in der römischen Provinz Galatien, Kapitel 4, Vers 4: Als aber die Fülle der Zeit kam, da sandte Gott das Gotteskind aus: geboren aus einer Frau und geboren unter die gesetzte Ordnung.
An dieser Stelle geht es nicht um eine besondere, sondern um eine normale Geburt. Jegliches Interesse an der Person Marias fehlt; im Zentrum der Aussage steht die Sendung Christi. In den Geschichten der sich ähnelnden Evangelien von Markus, Matthäus und Lukas sowie in der Apostelgeschichte, in denen Maria eine Rolle spielt, wird sie zum einen mit ihrem Namen benannt und zum anderen werden verschiedene Aspekte ihres Mutterseins beschrieben.

Das Markusevangelium bietet den ältesten Beleg für den Namen der Mutter Jesu:
Zu Beginn des 6. Kapitels steht:
1 Er ging von dort weg und kam in seine Heimatstadt, und seine Jüngerinnen und Jünger folgten ihm nach. 2 An einem Sabbat begann er, in der Synagoge zu lehren. Und viele, die ihn hörten, waren überwältigt und sagten: »Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben wurde? Geschehen durch seine Hände derart machtvolle Taten? 3 Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und Bruder des Jakobus und Joses, des Judas und Simon? Und leben nicht seine Schwestern hier bei uns?« Seinetwegen kamen sie vom Weg der Gerechtigkeit ab. 4 Jesus sagte zu ihnen: »Kein Prophet und keine Prophetin werden in ihrer Heimatstadt, bei den eigenen Verwandten und im eigenen Haus geachtet.« 5 Und Jesus konnte dort keine machtvolle Tat vollbringen. Nur einige wenige Kranke heilte er, indem er ihnen die Hände auflegte. 6 Er war zutiefst verstört über ihren Unglauben. Dann durchstreifte er die umliegenden Dörfer und lehrte. 

Diese sechs Verse erzählen davon, dass Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth von den Einwohnerinnen und Einwohnern abgelehnt wird. Deutlich erkennbar ist das an seinen eigenen Worten im Vers 5, aus dem unser heutiges Sprichwort „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.“ abgeleitet wurde. Die Menschen erkannten Jesus offensichtlich nicht als den Zimmermann und den Sohn der Maria wieder, der er in seiner Jugend war, bevor er die Familie verlassen hatte. Jesus hatte sich verändert, er war ein anderer geworden. 


Doch zurück zu Maria: Wir können dieser Geschichte entnehmen, dass sie mindestens sieben Kinder hatte, denn Jesus hatte vier Brüder: Jakobus, Joses, Judas und Simon. Und er hatte Schwestern. Die Pluralform wird im Bibeltext verwendet. Also waren es mindestens zwei Schwestern.
Maria ist die griechische Form des hebräischen Namens Miriam (auch als Mirjam transliteriert). Die Mutter Jesu hatte also denselben Namen wie die Schwester von Mose und Aaron. Das Verhältnis zwischen Jesus und seiner Familie war nicht immer ungetrübt. Offensichtlich heißen sie nicht gut, dass er sich verändert hat, dass er mit seinen Anhängerinnen und Anhängern umherzieht, dabei Geschichten von Gott erzählt und über die Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, dass er Menschen heilt und begeistert. Das wird nicht nur in den bereits zitierten Versen des Markus-Evangeliums deutlich, sondern auch noch an weiteren, wie z. B. Mk 3,20-21 und Mk 3,31-35:


20 Und er ging nach Hause. Wieder versammelte sich das Volk, so dass sie nicht einmal etwas Brot essen konnten. 21 Als seine Verwandten das hörten, kamen sie herbei, um ihn wegzuschleppen. Sie sagten nämlich: »Er hat den Verstand verloren.« […] 31 Jesu Mutter und Geschwister kamen, standen vor dem Haus und ließen ihn zu sich rufen. 32 Um Jesus herum saß eine Volksmenge. Da sagten einige zu ihm: »Deine Mutter, deine Brüder und deine Schwestern sind draußen und suchen dich.« 33 Er antwortete ihnen und sagte: »Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Geschwister?« 34 Er schaute sich um, sah sie im Kreis um ihn herum sitzen und sprach: »Ihr seid
meine Mutter und meine Geschwister. 35 Alle, die den Willen Gottes tun, sind mein Bruder, meine Schwester und Mutter.«


Jesus mag diesen Bruch mit seiner Familie auch provoziert haben, denn er fordert z. B. lt. Mt 10,37 die Aufgabe familiärer Bindungen, um ihm nachfolgen zu können:


37 Die ihren Vater oder ihre Mutter mehr lieben als mich, passen nicht zu mir, und auch die, die ihre Söhne und Töchter mehr lieben als mich, passen nicht zu mir.


Eine andere Szene, in der Jesus seine Mutter nicht als solche anerkennt bzw. sich von ihr distanziert, wird im Johannes-Evangelium, Kapitel 2 geschildert.


1 Am übernächsten Tag fand eine Hochzeit in Kana in Galiläa statt, und die Mutter Jesu war dort. 2 Zur Hochzeit eingeladen waren auch Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger. 3 Als der Wein ausgegangen war, sagte die Mutter Jesu zu ihm: »Sie haben keinen Wein!« 4 Jesus aber sagte ihr: »Was haben wir miteinander zu tun, Frau? Meine Zeit ist noch nicht gekommen.« 5 Seine Mutter sagte den Bediensteten: »Was auch immer er euch sagt, das führt aus!« 

Maria wird hier nicht namentlich erwähnt, sondern nur als Mutter Jesu bezeichnet. Und auch wenn sie von ihrem Sohn abgewiesen wird, wird sie dennoch aktiv, indem sie die Bediensteten anweist, auf ihren Sohn zu hören, falls dieser etwas sagt. 
Ihren zweiten Auftritt bei Johannes hat Maria unter dem Kreuz. Sie, wieder ohne Namensnennung, ist mit anderen Frauen zusammen Zeugin der Kreuzigung. Kurz vor seinem Tod erklärt Jesu in dieser Situation seinen letzten Willen (Kapitel 19):


25 Beim Kreuz Jesu standen aber seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Tochter des Klopas, und Maria aus Magdala. 26 Da sah Jesus seine Mutter und den Jünger, den er liebte, dastehen und sagte zu seiner Mutter: »Frau, hier ist dein Sohn.« 27 Dann sagte er zum Jünger: »Hier ist deine Mutter.« Von der Zeit an nahm der Jünger sie zu sich.


Ich kann mir gut vorstellen, dass Maria unter der Distanz zu ihrem erwachsenen Sohn gelitten hat. Wünscht sich nicht jede Mutter, dass ihr Kind sie zu allen Zeiten liebt und diese Liebe auch – zumindest gelegentlich – zum Ausdruck bringt? Andererseits ist es nur zu verständlich, dass sich Kinder beginnend mit der Pubertät von ihren Eltern emotional entfernen, selbstständig werden im Denken und im Handeln. Und wenn die Kinder dabei feststellen, dass sie die Mutter oder den Vater nicht uneingeschränkt lieben können, sondern sie kritisch betrachten, sich lieber von ihnen distanzieren wollen, dann ist auch das m. E. vollkommen verständlich. Schließlich sucht man sich als Kind seine Eltern nicht aus. Vielleicht sind die Lebensvorstellungen des erwachsen gewordenen Kindes so anders als die der Eltern. Vielleicht war es keine glückliche Eltern-Kind-Beziehung und das volljährige Kind kann sich endlich aus dieser Beziehung lösen, sich emanzipieren. Nicht von ungefähr fliehen manche Kinder mit der Volljährigkeit geradezu aus dem Elternhaus. Letztlich bleibt Müttern und Vätern wohl nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass die Kinder ihr eigenes Leben führen, wenn sie dafür dem Gesetz nach alt genug sind. Sich als Eltern in das Leben der erwachsenen Kinder einzumischen ist eher keine gute Idee, auch wenn uns unsere Kinder am Herzen liegen und wir sie auch weiterhin mit gut gemeinten Ratschlägen im Leben unterstützen wollen.
Um aber zum letzten Willen Jesu lt. dem Evangelisten Johannes zurückzukehren: Immerhin trägt er Maria auf, seinen Lieblingsjünger, der nie namentlich bezeichnet wird, als Sohn anzunehmen und gleichzeitig bittet er diesen Jünger darum, sich um Maria, wie um die eigene Mutter, zu kümmern, sie bei sich aufzunehmen. Schlussendlich sorgt sich Jesus darum, dass es seiner Mutter auch künftig gut geht.
Die Haltung Marias zu ihrem Sohn und der von ihm gestarteten Bewegung mag sich später geändert haben, denn im 1. Kapitel der Apostelgeschichte steht:


14 Sie alle waren einmütig und regelmäßig auf das Gebet bedacht, zusammen mit den Frauen und Mirjam, der Mutter Jesu, und seinen Geschwistern. Der Jesusbruder Jakobus wird sogar in mehreren Briefen des Paulus als Mitglied der ersten Gemeinden erwähnt. Die Theologin Silke Petersen führt in ihrem Aufsatz „Maria, Mutter Jesu“ auch aus, dass „anscheinend mehrere Familienmitglieder Jesu nach Ostern die Seite gewechselt haben, darunter könnte auch Maria gewesen sein“.


In den Evangelien des Markus und des Johannes haben wir Maria als Mutter ihres erwachsenen Sohnes erlebt. Wie es aber vorgeburtlich, mit dem Baby Jesus und seinem Heranwachsen aussieht, erfahren wir in den Evangelien von Lukas und Matthäus. Sie erzählen uns u. a. die sog. Vorund Kindheitsgeschichten Jesu.

Ein großer Unterschied zwischen beiden Evangelien besteht darin, dass in der vorgeburtlichen Geschichte des Matthäus Josef die Hauptperson ist, beim Evangelisten Lukas ist es Maria. Kapitel 1 des Matthäus-Evangeliums beginnt mit dem sog. Stammbaum. Jesu Herkunft wird von Abraham ausgehend abgeleitet. Obwohl in Stammbäumen eigentlich nur die männlichen Stammväter bzw. Nachkommen erwähnt werden, finden sich hier die Namen von fünf Frauen: Tamar, Rahab, Rut und Batseba (die Frau des Uria) sowie schließlich Maria. Es heißt: 

16 Jakob war Vater von Josef, dem Mann von Maria. Sie wurde die Mutter von Jesus, der Messias genannt wird.


Es folgt die Schilderung der Geburt Jesu:


18 Die Geburt des Messias Jesus geschah so: Seine Mutter Maria war mit Josef verlobt. Ehe sie zusammenlebten, zeigte sich, dass sie von der heiligen Geistkraft schwanger war. 19 Josef, ihr Mann, war ein gerechter Mensch. Er wollte nicht, dass sie einem öffentlichen Verfahren unterzogen wurde; deshalb nahm er sich vor, sich stillschweigend von ihr zu trennen. 20 Als er dies bei sich erwog, da erschien ihm ein Engel Adonajs im Traum und sprach: »Josef, Nachkomme Davids, scheue dich nicht, deine Frau Maria zu dir zu nehmen. Das Kind, mit dem sie schwanger ist, kommt von der heiligen Geistkraft. 21 Sie wird einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Denn er wird sein Volk von seinen Übertretungen der Gebote Gottes retten. 22 Das ist alles geschehen, damit sich erfüllt, was Adonaj durch den Propheten so gesagt hat: 23 ›Seht, die junge Frau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und sie werden ihn beim Namen Immanuel rufen, das bedeutet: Gott ist mit uns‹.« 24 Da stand Josef aus seinem Schlaf auf und tat, was ihm der Engel Adonajs aufgetragen hatte. Er nahm seine Frau zu sich. 25 Und er schlief nicht mit ihr, bis sie ein Kind geboren hatte. Und er gab ihm den Namen Jesus.


Maria ist hier also nicht die handelnde Person, sondern Josef, der allerdings nicht der Vater von Jesus ist. Trotzdem legitimiert er ihn als seinen Sohn, denn er gibt ihm seinen Namen. Biologische Vaterschaft war in der Antike nicht nachweisbar, weshalb die soziale Vaterschaft maßgeblicher war. Und Josef verlässt Maria nicht, sondern nimmt sie zur Frau. Ihr bleibt das ungewisse Schicksal einer unverheirateten Frau, die ein Kind erwartet, erspart. 

Noch ein Wort zur vermeintlichen Jungfrauen-Geburt: Im hebräischen Text bei Jesaja 7,14, der in Mt 1,22-23 zitiert wird, steht ein Ausdruck, der eine junge Frau bezeichnet. Dieser Ausdruck kann eine „Jungfrau“ im biologischen Sinn bezeichnen, muss es aber nicht. Das Zitat ist kein biologischer Tatsachenbericht, sondern will vermitteln, dass die Geburt Jesu „göttlich gewirkt“ wurde. Eine ähnliche, durch Gott gegebene Geburt gab es schon in der Genesis, im 1. Buch Mose, bei Abrahams Frau Sara. Nun zur Vor-Geburtsgeschichte Jesu, wie sie im 1. Kapitel des Lukas-Evangeliums aufgeschrieben ist.


26 Im sechsten Monat aber wurde der Engel Gabriel von Gott in einen Ort Galiläas gesandt, der Nazaret hieß, 27 zu einer jungen Frau. Diese war verlobt mit einem Mann namens Josef, aus dem Hause Davids. Der Name der jungen Frau war Maria. 28 Als er zu ihr hineinkam, sagte er: »Freue dich, du bist mit Gnade beschenkt, denn die Lebendige ist mit dir!« 29 Sie aber erschrak bei diesem Wort, und sie fragte sich, was es mit diesem Gruß auf sich habe. 30 Der Engel sprach zu ihr Folgendes: »Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade gefunden bei Gott. 31 Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären und du wirst ihm den Namen Jesus geben. 32 Dieser wird groß sein und Kind des Höchsten genannt werden. Gott, die Lebendige, wird ihm den Thron Davids, seines Vorfahren, geben 33 und er wird König sein über das Haus Jakobs in alle Ewigkeiten und seine Herrschaft wird kein Ende nehmen.« 34 Maria aber sagte zum Engel: »Wie soll dies geschehen, da ich von keinem Mann weiß?« 35 Der Engel antwortete ihr: »Die heilige Geistkraft wird auf dich herabkommen und die Kraft des Höchsten wird dich in ihren Schatten hüllen. Deswegen wird das Heilige, das geboren wird, Kind Gottes genannt werden. 
36 Siehe, Elisabet ist mit dir verwandt: Sie hat in ihrem Alter ein Kind empfangen und dieser Monat ist der sechste für die, die unfruchtbar genannt wurde. 37 Denn alle Dinge sind möglich bei Gott.« 38 Maria sagte: »Siehe, ich bin die Sklavin Gottes. Es soll geschehen, wie du mir gesagt hast.«


In der Lukas-Geschichte entsteht der Eindruck, dass Maria eine Wahl hat, ob sie schwanger werden möchte oder nicht. Denn der Engel spricht im Futur, also von der Zukunft. Sie entscheidet sich selbst, dem Plan Gottes zuzustimmen. Das ist nicht nur für die damalige Zeit eine mutige Entscheidung. Maria wird Mutter in schwierigen Umständen: Sie ist sehr jung und sie ist nicht verheiratet. Außerdem lebt das israelische Volk unter römischer Herrschaft. Kaiser Herodes ist an der Macht und wir wissen aus Mt 2,13, dass dieser Herrscher den Sohn Gottes suchen lassen wird, um ihn zu töten. Welch ein Gottvertrauen muss Maria gehabt haben, als sie ihr „Ja“ gesprochen hat. Diese
Entscheidung gipfelt im Loblied Marias, als sie ihre Verwandte Elisabeth, die ebenfalls schwanger ist, besucht. Es ist kein Lobgesang auf ihr individuelles Mutterglück, sondern hat eine tiefe politische Dimension. Das Magnificat, so bezeichnet nach dem ersten Wort Marias in der lateinischen Übersetzung, steht in der Tradition anderer Siegesliedern. Von dem der Debora im Buch der Richterinnen und Richter haben wir eben schon gehört. Es sind prophetische, durch die Heilige Geisteskraft geschaffene Lieder. In Marias Magnificat geht es um die Erniedrigung und Unterdrückung des israelischen Volkes, die Gott sieht, sich ihm erbarmt und handelt, indem Gott dafür sorgt, dass
Jesus, der Gottessohn zur Welt kommt, der für eine gerechtere Herrschaft sorgen wird, als es die weltlichen Herrscher tun.
Eine andere Erzählung im 2. Kapitel des Lukas-Evangeliums können wohl einige Eltern gut nachvollziehen und wissen auch Jahre oder Jahrzehnte später noch um ihre Emotionen. Ich spreche vom Verschwinden Jesu, als er mit seinen Eltern zum Pessachfest nach Jerusalem reist. Im Alter von zwölf Jahren bleibt Jesus, unbemerkt von seinen Eltern, im Tempel, um den Lehrenden zuzuhören und ihnen Fragen zu stellen. Seine Eltern suchten ihn drei Tage lang und fanden ihn schließlich. 

48 Als sie ihn sahen, waren sie überrascht, und seine Mutter sagte zu ihm: »Kind, warum hast du uns das getan? Sieh mal, dein Vater und ich, wir haben dich schmerzlich gesucht.« 49 Er sprach zu ihnen: »Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich unter denen sein muss, die zu meinem Vater gehören?« 50 Sie verstanden die Botschaft nicht, die er ihnen gesagt hatte. 51 Er ging mit ihnen hinab nach Nazaret und ordnete sich ihnen unter. Seine Mutter aber behielt alle Worte in ihrem Herzen.

 Die meisten Kinder kehren zum Glück wohlbehalten zu ihren Eltern zurück. Aber während der Suche nach dem verschwundenen Kind sind Eltern voller Sorge, ob sie ihr Kind wohlbehalten wieder in die Arme schließen werden. Von Maria als Jesu Mutter wird, wie wir gelesen und gehört haben, in verschiedenen neutestamentlichen Büchern erzählt. Erstaunlich ist, wie die Gestalt Marias im Laufe der Geschichte vielfältig um-, neu und anders gedeutet wurde. Weit über die biblischen Befunde hinaus spielt Maria in der Kirchen-, Kunst-, Musik-, Literatur- und Frömmigkeitsgeschichte eine große Rolle. Aber das ist ein anderes weites Feld.

© Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.